Gestern habe ich auf einer bekannten Datingplattform diese ansprechende Nachricht erhalten:
"Ich habe nichts, womit ich dich beeindrucken kann, außer meiner Größe und Ausdauer. Ich bin wirklich gut im Bett. Ich kann 5 Runden in einer Nacht durchhalten. Die erste Runde dauert 13 bis 15 Minuten, aber die zweite, dritte und vierte dauern länger, etwa 33 bis 35 Minuten. Wenn du Sex genauso liebst wie ich, verspreche ich dir, dass ich dir den besten Sex deines Lebens geben werde 😉"
Ein paar grundsätzliche Gedanken dazu:
Ich nehme an, dass der Orgasmus des Absenders das jeweilige Ende der einzelnen Runden markiert. Vermutlich kurze Pausen dazwischen, während derer man sich elektrolytehaltige Getränke zuführt. Abgesehen davon, dass "number of orgasms" in meinen Augen keine geeignete KPI für gelungenen Sex ist – Sollte er statt seiner eigenen nicht wenigstens meine Orgasmen als Kennziffer für Erfolg ansetzen? Was genau habe ich davon, dass er fünfmal in einer Nacht abspritzt?
Die detaillierte Zeiterfassung! 13 bis 15 Minuten für die erste Runde, danach steigert sich das Ganze auf 33 bis 35 Minuten. Kriege ich am nächsten Tag dann eine Auswertung mit Diagrammen zugeschickt?
Allein das Wort "durchhalten" im Kontext von gutem Sex. Das ist doch als würde jemand behaupten, er sei ein fantastischer Koch, nur weil er einen großen Topf besitzt und besonders lange rühren kann.
Aber kommen wir zum Kern des Problems. Denn so leicht es fällt, sich über diese Nachricht lustig zu machen – Sie spiegelt letztlich einfach nur die extrem weit verbreitete Vorstellung wider, dass guter Sex ohne eine Erektion gar nicht möglich sei. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe auch ich bis vor gar nicht allzu langer Zeit Sex mehr oder weniger ausschließlich mit Penis-Vagina-Penetration assoziiert. Wie absurd das ist, beweist die Tatsache, dass es ja sogar Menschen ganz ohne Penis geben soll, die sehr erfolgreich zusammen Sex machen.
Als ich in meiner sexlosen Ehe feststeckte, hatten mein damaliger Mann und ich ein Problem, an das mich diese Nachricht erinnert hat. Zuletzt bestand unser Sexleben eigentlich nur noch aus zunehmend verzweifelten Versuchen, irgendwie eine einigermaßen stabile Erektion herbeizuführen. Ein bisschen halbherziger Oralsex gehörte auch noch zu unserem Repertoire, aber nicht zum Vergnügen, sondern immer mit dem übergeordneten Ziel "Schwellkörper aktivieren". Diese Dynamik hatte sich bei uns irgendwie so eingeschlichen, obwohl wir zu Beginn unserer Beziehung durchaus fantasievollen und guten Sex hatten. Über die Jahre wurde unser Sexleben dann immer uninspirierter und drehte sich zunehmend um die bohrende Angst vor einer nachlassenden, fehlenden oder sonst auf irgendeine Weise "ungenügenden" Erektion, die den Sex zu verhindern drohte. Dann kam noch eine Kinderwunschphase dazu, in der es ja ausnahmsweise wirklich mal einen validen Grund gab, Penetration und die Beförderung von Sperma in meine Vagina zu priorisieren. Irgendwie kamen wir aus dieser Dynamik dann nicht mehr heraus. Und wenn der Fokus allein auf Penis-Vagina-Penetration liegt, dann ist es ja tatsächlich so, dass ein weicher Penis der Endgegner ist. Eine fehlende Erektion ist dann ein nicht zu leugnendes Hindernis.
Diese Fixierung auf Erektionen erzeugt enormen Druck für alle Beteiligten. Seit ein paar Monaten versuche ich mich (mittlerweile mit einigem Erfolg 💪) an aktivem piss play und habe in diesem Kontext zum ersten Mal selbst erlebt, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper einen in einem sexuellen Moment im Stich lässt. Meine schüchterne Blase und ich haben eine ganze Weile gebraucht um miteinander warm zu werden und so richtig gehorcht sie mir noch immer nicht. Ich kann nur erahnen, welch fieser Druck auf Menschen mit Penis lastet, wenn Sex nur dann als „gut“ gilt, wenn er auf Penetration basiert. Und auch für alle anderen Beteiligten ist dieser Druck spürbar. Ich bin früher regelrecht panisch geworden, wenn ich es mit einem weichen Penis zu tun hatte. Warum wird er nicht hart? Gefällt es ihm nicht? Was mache ich falsch? Findet er mich unattraktiv? Von meiner Obsession mit Erektionen geheilt hat mich meine Tantramassageausbildung, in der ich gelernt habe, dass man auch einen weichen Penis ganz wunderbar massieren kann und dass Erregung nicht zwangsläufig zu einer Erektion führen muss. Klar sind Erektionen ein relativ sicherer Indikator für sexuelle Energie. Die kann sich aber auch auf hunderttausend andere Arten zeigen, von Atmung und Bewegung über Gänsehaut und harte Nippel bis zu Seufzen und Stöhnen. Und notfalls kann man ja auch einfach nachfragen.
Ich gehöre ja tatsächlich zu den Menschen, die Penetration sehr mögen. In den meisten meiner sexuellen Begegnungen kommt Penetration in irgendeiner Art und Weise vor. Das Schöne ist aber, dass ich mittlerweile nicht mehr auf einen erigierten Penis angewiesen bin um meine Lust auf Penetrationsaction zu stillen. Es gibt neben Penissen ja zum Glück auch noch Zungen, Finger, Dildos, Plugs, Vibratoren und meinen aktuellen Favoriten: eine ganze Faust.
Kommentare