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Dein Kink turnt mich ab

  • Writer: OneBigYes
    OneBigYes
  • Jul 2, 2024
  • 6 min read

Updated: Jul 4, 2024


Als ich vor einigen Monaten beschloss eine sexuelle Fantasie, die mich seit vielen Jahren begleitet, in die Tat umzusetzen, habe ich das erst einmal für mich behalten. Ich habe einen konkreten Plan entwickelt und erst als ich kurz vor der Umsetzung stand, war mein Bedürfnis, mich jemandem anzuvertrauen groß genug, um das Risiko aufzuwiegen, mir eine negative Reaktion einzuhandeln. Die Fantasie, die ich umsetzen wollte, war "Sex gegen Geld" und mein konkreter Plan ein Escort Date mit jemandem, der mich dafür bezahlt, dass ich Sex mit ihm habe. 


Meine sexuellen Fantasien, Vorlieben und Kinks sind eingebettet in meine Sexualität. Das Potenzial für Scham und Verletzungen ist in diesem Kontext groß.


Scham ist ein existenzielles Gefühl und ein sehr herausforderndes. Natürlich hat Scham grundsätzlich eine wichtige Funktion: Sie zeigt uns unseren moralischen Kompass und ermöglicht Selbstreflexion. Scham beruht auf dem menschlichen Grundbedürfnis nach Integrität. Umso bedrohlicher ist Scham im destruktiven Kontext von Kinkshaming, in dem eine Person für eine sexuelle Präferenz, einen Teil ihrer sexuellen Identität, beschämt wird. In ihrem Essay "Scham" betont Andrea Köhler die isolierende und zerstörerische Kraft der Scham, auch in Kontexten, in denen jemand zu Unrecht beschämt wird (und dazu würde ich Kinkshaming zählen, denn 1. kann ich nichts für meine Kinks und 2. schade ich damit auch niemandem): "Beschämung ist ein Moment, der den Beschämten ins Unrecht zu setzen scheint, auch wenn dies zu Unrecht geschieht. Denn Scham macht uns wehrlos, sie entblößt unser verletzliches Selbst." (1) Intensive Schamgefühle sind so schwer auszuhalten, dass sie Menschen in den Suizid treiben können. Für mich ist Scham ein fast körperlicher Schmerz, ein Schlag in die Magengrube, ein heftiges Stechen und Brennen. "Beschämung ist das Gefühl einer spontanen Herabsetzung des Selbstwertgefühls, eine Regung, die sich körperlich manifestiert. Wer beschämt wird, fühlt sich ausgestoßen, mutterseelenallein." (1)


Soziale Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Das gleiche gilt für das Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung. Als ich darüber nachdachte, einem anderen Menschen von meiner "Sex gegen Geld" Fantasie und deren Umsetzung zu erzählen, musste ich diese Bedürfnisse abwägen gegen das Risiko beschämt zu werden.


Das waren die Reaktionen der Personen, denen ich mich anvertraut habe:


Reaktion 1: Ablehnend, aber nicht abwertend

Die erste Person, der ich von meinem Plan, meine Fantasie "Sex gegen Geld" umzusetzen, erzählt habe, war ein guter Freund. Wir kennen uns seit über 10 Jahren. Ich erlebe ihn als kink-affin und sexpositiv und war mir daher relativ sicher, dass er mich und meine Fantasie nicht abwerten würde. Neben meinem Bedürfnis, jemandem von meinem Plan zu erzählen, hatte ich außerdem das konkrete Anliegen, ein Cover zu organisieren. Ich erzählte also von meiner Fantasie und meinem Vorhaben, sie in die Tat umzusetzen und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, mich an dem Abend des geplanten Dates zu covern. Diesen Wunsch hat er abgelehnt, weil er das Risiko, dass mir etwas zustoßen könnte, als zu hoch einschätzte und die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Jemanden um einen Gefallen zu bitten und zurückgewiesen zu werden, ist natürlich nie schön. Mein Freund hat seine Ablehnung aber so wertschätzend und sensibel formuliert, dass unser Gespräch für mich nicht verletzend war. Und das allerwichtigste: Er hat Verständnis für meine Fantasie und meinen Plan, sie umzusetzen, zum Ausdruck gebracht und mir das Gefühl gegeben, dass ich okay bin so wie ich eben bin. Die Ablehnung hat sich also nicht wie eine Abwertung angefühlt und hat in mir auch keine schmerzhaften Schamgefühle ausgelöst. Es war keine positive Erfahrung für mich, aber auch keine besonders negative.


Reaktion 2: Positiv und bestärkend 

Die zweite Person, der ich mich anvertraut habe, ist ein Spielpartner und Freund, den ich seit etwa zwei Jahren kenne. Seine Reaktion war durchweg authentisch positiv, unterstützend und bestärkend. Er hat interessiert nachgefragt und mich dazu beglückwünscht, dass ich meine Fantasie Realität werden lasse. Nicht zuletzt hat er dann auch das Covern übernommen. Ich habe mich angenommen und gesehen gefühlt. Was für ein wunderbares Gefühl. Warm, nährend, befreiend, heilsam.


Reaktion 3: Abwertend und beschämend 

Beflügelt von dieser positiven Erfahrung habe ich einer weiteren Person von meinem Escort Date erzählt (allerdings erst nachdem es bereits stattgefunden hatte). Wir kennen uns erst seit etwa einem halben Jahr. Unsere Beziehung lässt sich am ehesten als Affäre einordnen. Ich war also sehr vorsichtig und habe mich langsam vorgetastet, zunächst keine Details erzählt, immer wieder nachgefragt was mein Gegenüber denkt und ob ich weitererzählen darf. Er war zunächst sehr ermutigend, hat interessiert nachgefragt, mir versichert "Du kannst mir alles erzählen, I don't judge." Nach ein paar Tagen passierte dann - für mich völlig unerwartet - ein extremer Wandel in seiner Haltung. Meine Vermutung ist, dass meine Erzählungen in ihm selbst Scham ausgelöst haben, die er vielleicht nicht erwartet hatte, nicht richtig einordnen und reflektieren konnte und für die er ein Ventil finden musste. Das Ventil, das er (vielleicht auch unbewusst) wählte, war dann sehr destruktiv. Zum einen brachte er zum Ausdruck, dass unser Gespräch ihn so sehr abgeturnt habe, dass er keine Lust auf Sex mehr habe. Seine Begründung formulierte er dann so: "Deine neue Begeisterung für Sex mit Freiern ist ein ziemlicher Buzz Kill für mich". Nach wie vor bin ich beeindruckt davon, wie schmerzhaft dieser Satz für mich ist. Ich habe ihn als explizite Abwertung meiner sexuellen Präferenzen empfunden. Es ist ein harter Satz, verletzend und beschämend, und in seiner scheinbaren Beiläufigkeit geradezu grausam. Dieser Satz konnte mich vor allem auch deshalb in seiner vollen Härte treffen, weil er inmitten der Illusion eines sicheren Raumes fiel. Die andere Person hatte mit ihrer Einladung, von meinen Fantasien und Erlebnissen zu erzählen, ihrer Art mir zuzuhören, nachzufragen, nicht zuletzt mit ihrem Versprechen mich nicht zu bewerten, einen safe space geschaffen, in dem ich mich öffnen konnte. Ich habe mich sicher genug gefühlt, um sehr intime, auch schambehaftete Details aus meinem Leben zu erzählen. Den Punkt, an dem bei meinem Gegenüber Neugier in Ablehnung kippte, habe ich nicht wahrgenommen. Und dann fiel dieser Satz, der in dem nun plötzlich nicht mehr sicheren Raum natürlich eine unglaubliche Wucht entfalten konnte. Ich werde wohl noch eine Weile brauchen um mich davon zu erholen.


Was kann ich tun wenn mich der Kink einer anderen Person abturnt?


Erst einmal ist es natürlich völlig in Ordnung, wenn die sexuellen Vorlieben einer anderen Person in mir selbst Gefühle von Abneigung, Widerstand oder sogar Ekel hervorrufen. Ich muss kein Interesse oder Zustimmung faken, um eine Illusion von Akzeptanz zu schaffen. Ich muss auch nicht über meine eigenen Grenzen hinweggehen, um der anderen Person das Gefühl von Ablehnung zu ersparen. Ablehnung ist nicht das gleiche wie Kinkshaming. Ich finde es allerdings wichtig, sensibel mit dieser Ablehnung umzugehen und sie möglichst wertschätzend und respektvoll zum Ausdruck zu bringen. Wenn mir eine andere Person von ihren Kinks erzählt, ist das ein großer Vertrauensbeweis und - sofern ich nicht unfreiwillig damit konfrontiert werde - auch eine große Verantwortung für mich. Ein paar Strategien, die für mich gut funktionieren:

  • Meine Grenzen wahren: "Ich merke gerade, dass deine Erzählung / deine Bitte in mir herausfordernde Gefühle hervorruft. Bitte gib mir ein bisschen Zeit darüber nachzudenken, bevor wir weiter sprechen."

  • Nicht alles teilen: Ich muss eventuell auftretende Gefühle von z.B. Scham oder Ekel nicht ungefiltert mit der Person, die sich mir anvertraut, teilen oder sie gar an ihr "auslassen". Wenn ich selbst ein Redebedürfnis habe, kann ich auch mit einer dritten Person darüber sprechen (Diskretion vorausgesetzt).

  • Ablehnen ohne abzuwerten: "Ich habe selbst keine Lust XY mit dir zu machen / darüber zu sprechen. Das bedeutet aber nicht, dass dein Kink falsch ist oder dass mit dir etwas nicht stimmt. Es ist nur einfach nicht für mich. Du darfst sein wie du bist."

  • Verletzung anerkennen: Egal wie sensibel ich kommuniziere, meine Ablehnung kann für die andere Person verletzend sein. Das ist okay und ich kann versuchen, die verletzte Person aufzufangen.


Auch die Person, die von sich und ihren Kinks erzählt, trägt eine Verantwortung. Sie befindet sich zwar grundsätzlich in der vulnerableren Position, denn sie setzt sich dem Risiko aus, bewertet oder sogar abgelehnt zu werden. Trotzdem ist es wichtig, dass auch die Grenzen der zuhörenden Person erkannt und gewahrt werden und es liegt in der Verantwortung der teilenden Person, diese Grenzen zu erfragen, sensibel zu sein und zu erkennen, was das Gegenüber aufnehmen kann und möchte. Ein paar Strategien, die für mich gut funktionieren:

  • Im voraus eigene Erwartungen klar machen: "Ich möchte gerne etwas mit dir teilen. Ich möchte aber keine Kritik oder Bewertung von dir dazu, weil das Thema für mich schambehaftet ist. Bist du damit okay mir einfach zuzuhören und falls du eine Ablehnung spürst, diese für dich zu behalten?"

  • Langsam vortasten: "Ich würde dir gerne etwas erzählen. Es geht in die Richtung von Thematik XY. Darf ich das mit dir teilen?"

  • Immer wieder einchecken: "Darf ich weiter ins Detail gehen? Bitte sag mir Bescheid wenn es zuviel wird."

  • Ablehnung und Beschämung einordnen: Wenn mich jemand ablehnt oder beschämt, sagt das am Ende meistens mehr über diese Person als über mich selbst aus. Im besten Fall hat mein Gegenüber einfach seine eigenen Grenzen abgesteckt, im schlimmsten Fall wollte man mir absichtlich weh tun. Beides ist nicht meine Schuld und bedeutet nicht, dass ich weniger wert bin. Mir das klar zu machen, kann helfen, mit meinem schmerzhaften Schamgefühl umzugehen.



(1) Andrea Köhler: Scham. Zu Klampen Verlag, 2017.



 
 
 

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